Bologna-Blase geplatzt? Heike Schmoll in FAZ 24.Nov. Nr.273, S.1 und FAZ 17.Nov. Nr.267, S.4

(Eingegangen bei der FAZ am 04.12.2009 14:24)

Am 17.Nov auf S.4 und am 24.Nov auf S.1 entwarf Heike Schmoll ein Gesamtgemälde des Bolognaprozesses, das den Charakter einer Generalabrechnung hat. Der Angeklagte -der Bologna-Prozess- wird in nahezu allen Punkten für schuldig befunden: keine gelungene Verkürzung der Studien, keine allgemeine Vergleichbarkeit und Mobilität, statt Forschung Antragsschreiberei um potemkinsche Dörfer, Prüfungsinflation, zu schlechte Betreuung, unterfinanziert, Zwang zum Drittmittelerwerb. Dazu ein abschließender Zweifel, ob mit solch einem Versager der stattfindende demographische Wandel und die Kommunikationsrevolution gemeistert werden könne.

In den hektischen Wochen des Bildungsstreiks liest sich das gefällig, und es ist ja auch keine Einzelstimme. Dennoch kann ich in diese Tonlage nicht einfach einstimmen. So richtig es ist, dass das deutsche Hochschulsystem im internationalen Vergleich stark unterfinanziert ist und dass wir im Forschungsbereich seit Jahren eine Entwicklung zu verzeichnen haben, die durch aufgezwungene Verteilungskämpfe eine kontinuierliche seriöse Forschung mehr und mehr unmöglich macht (woraus nicht folgt, das vorher alles glänzend war), so wenig überzeugen mich die klischeehaften Urteile über den Bolognaprozess im Kernbereich der Lehre.

Der beliebte Vergleich mit einzelnen ausländischen Eliteuniversitäten mit ihrem Betreuungsverhältnis von 1:10 ist gleich doppelt problematisch: erstens kann man nicht das universitäre System eines ganzen Landes mit Einrichtungen wie Harvard, Yale, Princeton und ähnlichen vergleichen, da dort Finanzierungskonditionen vorliegen und Auswahlmechanismen verfügbar sind, über die keine deutsche Hochschule je wird verfügen können (und wie ist die Lage der anderen Universitäten in den USA?). Zweitens gibt es an fast allen deutschen Hochschulen der angewandten Wissenschaften in den Masterkursen Betreuungsverhältnisse in den Grössenordnung 1:10 - 1:20 und in den Bachelorkursen in den Übungen 1:20 als Standard. Dazu kommen reguläre wöchentliche Sprechstunden. Warum schreibt darüber niemand? Ist es unpopulär, dass es in Deutschland auch positive Beispiele gibt?

Wenn man die vielstimmige Kritik an der Überfrachtung der Studiengänge hört, an der unsinnig hohen Zahl an Prüfungen, dann muss ich mich fragen, ob alle tatsächlich immer den gleichen Bologna Prozess meinen. bei dem Bologna Prozess, den ich kenne, da sind es die Professoren und Studierende einer Hochschule, die Ideen zu neuen Studiengängen haben, diese als Teams konkretisieren und umsetzen, und dann gemeinsam 'leben'. Und wenn man dann feststellt, dass es in der realen Umsetzung Probleme gibt, dann nimmt man diese Fehler zum Anlaß und ändert den Verlauf entsprechend. Im Falle der Hochschulen für angewandte Wissenschaften war diese Vorgehensweise auch vor Bologna schon Standard und insofern hat der Bologna Prozess diesbezüglich wenig Änderung gebracht. Allerdings war es für die beteiligten Kollegen und Kolleginnen wie Studierenden ein gewaltiger Kraftakt, da in 1-2 Jahren die 'alte' Lehre als Vollprogramm weiter gelaufen ist und 'daneben' ein vollständig neues -und weitgehend umfangreicheres- System erfunden, umgesetzt und dann auch noch gelebt werden musst ohne irgendwelche zusätzlichen finanziellen Anreize. Dies ist deutschlandweit eine gewaltige Leistung, von der ich noch in keiner Zeitung irgendeine Zeile gelesen habe.

Im Kontext der Lehre wird ferner fast ausschließlich der Verlust an 'Bildung' gegenüber nun mehr 'verschultem' Lernen beklagt. Abgesehen davon dass heute mehr und mehr Schulen kreative selbstverantwortete Lernformen entwickelt haben, die dem Klischee eines 'paukenden' Lernens klar widersprechen, vermisse ich hier notwendige Differenzierungen. Gerade der Bologna Prozess hat in den Hochschulen für angewandte Wissenschaften dazu geführt, dass eine Fülle neuer Lernformen eingeführt wurde und nun aktiv ausprobiert wird. Mittlerweile findet man so gut wie alles, was heute an Lernformen bekannt ist: zwischen klassischen Präsenzveranstaltungen mit Übungen und Onlineunterstützung (vorwiegend in den ersten Semester) bis hin zu völlig freiem Studieren unter Tutorbegleitung oder selbstefinierten semesterweiten interdisziplinären Projekten mit internationaler Vernetzung und Firmenkontakten. Die ganze Bandbreite hier aufzuzählen reicht nicht der Platz.

Dass es hier trotz allem noch Friktionen unterschiedlichster Art gibt, ist völlig normal, bedenkt man, unter welchen extrem harten Randbedingungen diese neuen Prozesse ins Leben gerufen wurden. Umgekehrt ist es eher geradezu fantastisch, was trotz und gerade unter diesen Umständen entstanden ist. Dass gerade in den Bachelorkursen zu Beginn oft zuviel Stoff reingepackt wurde, das sehen mittlerweile alle Beteiligten -auch ohne Bildungsdemonstrationen-, oder dass das Modulsystem vielfach zu starr fixiert wurde, das sehen auch alle Beteiligten, und es gibt auch schon erste Ideen, wie man dies alles weiter flexibilisieren und gleichzeitig noch attraktiver machen kann, aber dies kann man nicht in Zeiträumen von 3 Monats-Takten ändern, sondern man benötigt 1-2 Jahre Laufzeit, um überhaupt über entsprechende Erfahrungswerte zu verfügen. Wenn die Kritik am Bolognaprozess sich vorwiegend auf die klassischen Universitäten konzentriert, sollte auch mal die unpopuläre Frage erlaubt sein, ob es vielleicht weniger der Bologna Prozess als solcher ist, der hier 'Schuld' ist, sondern nicht auch die schiere Große mancher Universitäten, die ein gemeinsames Zusammenwirken von Lehrenden und Studierenden für eine kreative Ausgestaltung der Lernprozesse zu sehr erschwert oder gar verhindert?

Die stark von den Geisteswissenschaften befeuerte Kritik am Bologna Prozess die das Leitwort 'Bildung' wie ein Mantra vor sich herträgt, kann ich bislang nicht wirklich nachvollziehen. Aufgrund meiner Biographie konnte ich sowohl ausgiebig Geisteswissenschaften an einer staatlichen Universität Kennenlernen (Diplom + Promotion), die Arbeit in Firmen, wie auch nun den Bereich der Informatik und Ingenieurwissenschaften in der Lehre an einer Hochschule der angewandten Wissenschaften. Wenn ich an die vielen hunderte Studierenden -nur in einem Fach!- im geisteswissenschaftlichen Bwereich denke, die nach 6-8 Jahren nicht fähig waren, einen normalen Abschluss zu erlangen, weil sie in all diesen Jahren sich schlicht und einfach in der Unübersichtlichkeit einer geisteswissenschaftlichen Landschaft verloren hatten und sich dann als Taxifahrer, Putzfrauen, Aushilfslehrern über Wasser halten mussten, dann passt dies nicht in das hehre deutsche Bildungsideal, aber das ist ein Stück empirischer Realität, das in der aktuellen Diskussion nach meinem Geschmack ein bischen zu schnell und zu stark einfach ausgeblendet wird.

Ja, wir haben massive Probleme mit Bildung und Forschung in Deutschland, und diese Probleme sind sehr wohl 'gesellschaftsrelevant', da sie nicht nur den Wohlstand, sondern sogar die Existenz unseres gemensamen Landes gefährden können, aber wir haben kein Problem in der Lehre a la Bologna. Wenn, dann sind diese eindeutig hausgemacht, d.h. die zuständigen ProfessorenInnen und Studierenden haben ihren Gestaltungsspielraum nicht wahrgenommen, und dieses Unvermögen sollte man nicht auf andere projizieren.

Prof.Dr.phil.Dipl.theol. Gerd Doeben-Henisch Schöneck

Gerd Doeben-Henisch 2010-03-28