Zu dem ausführlichen Beitrag 'Diagnose Etikettenschwindel' von Chr.Ann am 15.Okt.2009 hatte ich am 16.Okt.2009 einen Leserbrief an FAZ geschrieben. Der Eingang wurde bestätigt. Dieser Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Bei der großen Anzahl von täglichen Leserbriefen ist dies nichts Besonderes, außerdem kann es viele Gründe geben, warum ein Leserbrief nicht abgedruckt wird. Etwas eigentümlich wirkt es dann aber schon, wenn am 20.Okt. und am 23.Okt. Leserbriefe abgedruckt werden, die die Position von Chr.Ann durch weitere Beispiele ausschließlich verstärken. In meinem Beitrag hatte ich versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass die Beschreibung der Phänomene, so 'wahr' sie auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch möglicherweise irreführend sein kann, wenn man sich ausschließlich bei den Oberflächenphänomene aufhält und diesen sogenannten 'Etikettenschwindel' nicht zum Anlass für eine kritische Nachfrage nimmt. Nicht nur durch Thomas Kuhn wissen wir aus der Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte, dass sogenannte 'Paradigmenwechsel' sich dadurch ankündigen, dass bislang bekannte Erklärungsmuster Phänomene mehr und mehr nicht mehr befriedigend 'erklären' können. Es finden sich dann vermehrt Verhaltensreflexe der 'Abwehr', des 'Wegredens', des 'Schlechtredens', usw. In meinem Beitrag hatte ich versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass hinter dem 'Epiphänomen' 'Etikettenschwindel' möglicherweise umfassendere gesellschaftliche Prozesse anzunehmen sind, die nach alternativen Bildungs- und Forschungsprozessen jenseits solcher Ausbildungsformen verlangen, die wir gewohnt sind, 'universitär' zu nennen. Würde diese Vermutung zutreffen, dann wäre das 'Lamentieren' über 'scheinbare Erosionserscheinungen' an einem gewohnten Ausbildungsmuster genannt 'Universität' zwar auf den ersten Blick plausibel -da ja in der Tat gewohnte Standards Einbußen erleiden-, dennoch wäre gerade dieses Lamentieren irreführend, da es jene wichtigen gesellschaftlichen Umbruchprozesse verdeckt, die viel tiefergehender und weitreichender sind. Selbst Vertretern des Labels 'Universitär' sollte klar sein, das jenseits der Wortmarke 'Universität' die geschichtliche Wirklichkeit jede Festschreibung und Ideologisierung einer ganz bestimmten, nur unter ausgewählten Bedingungen geltenden Wortbedeutung verbietet. Allerdings verlangt dies eine gewisse intellektuelle Offenheit für den historischen Charakter jeder Art von Gegenwart.
Gerd Doeben-Henisch
Anmerkung: Am 29.Okt 2009 Nr.251 brachte die FAZ auf S.36 zwei sehr ausführliche Leserbriefe in denen vergleichsweise ausführlich der sich verändernde Zuschnitt der Fachhochschulen greifbar wird. Das 'Etikett' FH oder UNI alleine sagt heute nicht mehr alles (wie auch schon nicht in der Vergangenheit).
Gerd Doeben-Henisch 2010-03-28