Der Artikel lebt von den Annahmen, dass die Bezeichnung 'Universität' eine ganz spezifische Bedeutung hat, die diese Ausbildungsform deutlich von allen anderen nachschulischen Ausbildungsformen abhebt und dass daher Bezeichnungen, die 'ähnlich' klingen, aber tatsäch ganz andere Ausbildungsformen meinen, irreführend sein können, insbesondere für Studierende aus dem Ausland. Solange man diese Annahme der Besonderheit der Bezeichnung 'Universität' teilt, ergeben sich daraus eine Fülle von Folgerungen, die allesamt die Melodie spielen, dass man die Universität gegen alle diese anderen Ausbildungsformen besser schützen muss. Was dann mit dem ganzen 'Rest' jenseits der Universität geschehen soll (z.B. Fachhochschulen, duale Hochschulen, Berufsakademien), dazu weiss Chr. Ann nur pauschal anzumerken, dass er nicht gegen diesen 'Rest' argumentiert, da 'natürlich' Wirtschaft und Gesellschaft so viele gut ausgebildete Köpfe wie möglich benötigt.
Diese Gesamtarchitektur des Artikels macht eine Disharmonie sichtbar, die ihre scheinbare Wahrheit durch den Verzicht auf das Ganze erkauft und damit möglicherweise etwas Falsches sagt, was für die Gesellschaft, die 'so viele gut ausgebildete Köpfe wie möglich benötigt', sehr gefährlich sein kann bzw. eventuell gefährlich ist.
Wie u.a. H-A.Koch in seinem lesenswerten Buch 'Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution' (2008) klar aufzeigt, ist das, was mit dem Begriff 'Universität' bezeichnet wird, eine überaus fliessende Grösse und zu jedem Zeitpunkt nur verstehbar als Ergebnis vielschichtiger Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Interessen und Kräften der jeweiligen Gesellschaften. Die Realität der 'universitas' zu Beginn des 13.Jh in Paris hat absolut nichts gemein mit dem, was im Jahr 2009 als 'Universität' bezeichnet wird. Und auch, wenn man die vielfältigen Erscheinungsformen im Laufe der Jahrhunderte in den verschiedenen Ländern Europas berücksichtigt, muss man mit Koch feststellen, dass eine Universität das ist, was man Universität zu nennen übereingekommen ist (vgl. Koch, S.7).
Natürlich ist auch die Gegenwart des Jahres 2009 von diesem grundsätzlichen Charakter einer 'fliessenden Grösse' innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtdynamik nicht abgekoppelt. Auch heute entstehen aus der Situation einer sich wandelnden Gesellschaft beständig neue Anforderungen an die Ausbildung der Menschen, die diese Gesellschaft tragen und prägen sollen. Im Unterschied zu früheren gesellschaftlichen Situationen verzeichnen wir heute einen enormen Komplexitätszuwachs auf allen (!) Ebenen. Nicht nur in den 'typischen' Forschungsaktivitäten zwingt der aktuelle Wissensstand zu immer weitergehenderen Spezialisierungen, auch in den gesellschaftlichen Bereichen jenseits der 'typischen' Forschung werden heute immer höhere Anforderungen an die Fähigkeiten der Menschen gestellt. Komplexe Finanzmärkte, komplexe internationale Firmen, komplexe öffentliche Verwaltungen, die Anwendung immer komplexere Technologien usw. verlangen heute nicht nur die entsprechend ausgebildeten Menschen, sondern verlangen natürlich auch nach den geeigneten Ausbildungsinstitutionen. Diesen immer größer werden vielfältigen Bedarf an hochspezialisierten Ausbildungsanforderungen mit dem Begriff der 'Grundlagenforschung' abdecken zu wollen, erscheint nicht nur völlig 'weltfremd', sondern sogar 'weltfeindlich': natürlich muss auch heute die notwendige 'Grundlagenforschung' geleistet werden, aber agesehen davon, dass sich der Charakter von 'Grundlagenforschung' auch beständig ändert und mittlerweile vielleicht sogar eher ausserhalb der Universität zu verorten ist, müssen wir uns der Tatsache stellen, dass der mit Abstand grösste Teil des gesellschaftlichen Bedarfs an Wissen und Fähigkeiten jenseits der Grundlagenforschung anzusiedeln ist. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund gaukelt der Begriff der 'Universität', wie ihn auch Chr. Ann zu unterstellen scheint, etwas vor, was schon lange einfach nicht mehr stimmt. Der 'Rest', den Chr. Ann gerne von der 'reinen Universität' abgrenzen möchte, ist möglicherweise keine 'Verunreinigung' der reinen Lehre, sondern die natürliche Antwort auf einen dramatisch veränderten gesellschaftlichen Bedarf.
In einer solchen Situation, wo wir als ganze Gesellschaft darum ringen 'wettbewerbsfähig' zu bleiben, ist es möglicherweise nicht hilfreich, ein aktuelles gesellschaftliches Problem dadurch zu 'verdecken', dass man sich dogmatisch (?) an bestimmte Begrifflichkeiten klammert, anstatt das sachliche Problem von dramatisch veränderten Ausbildungs- und Bildungsanforderungen 'wirklichkeitsnah' zu beschreiben und zu analysieren. Dann könnte man dem 'bunten Rest' jenseits der Universität vielleicht etwas Positiv-Konstruktives abgewinnen. Man könnte z.B. darüber nachdenken, wie man die deutsche Ausbildungsinstitutionen undogmatisch so weiterentwickelt, dass wir 'auf der ganzen Breite' hohe Qualität ausbilden können und nicht -angeblich- nur in Gebäuden, die das Label 'Universität' tragen.
Soviel, sehr verkürzend, als kurze Antwort zu dem Artikel von Chr.Ann.
Prof.Dr.phil. Dipl.Theol. Gerd Doeben-Henisch FH Frankfurt am Main Fb2: Informatik & Ingenieurwissenschaften
Gerd Doeben-Henisch 2010-03-28