Die einleitend gewählten Beispiele mit der Population und dem Kapital abstrahieren von den einzelnen Menschen. Sie betrachten nur abstrakte Einheiten, ohne auf einzelne Elemente einzugehen. Wir wollen eine solche abstrakte Betrachtungsweise im Simulationskontext Makroperspektive nennen im Gegensatz zur Mikroperspektive. In letzterer betrachtet man nicht abstrakte Grössen, sondern auch kleinere Einheiten wie z.B. die einzelnen Mitglieder einer Population und leitet das Gesamtverhalten aus dem Verhalten der kleineren Einheiten ab.
Aus theoretischer Sicht ist der Übergang von der Makro- zur Mikroperspektive natürlich fliessend: wo hört die Makroperspektive auf und wo fängt die Mikroperspektive an? Ist die Modellierung einer Bevölkerung mittels Altersklassen noch eine Makromodellierung oder schon eine Mikromodellierung?
Bild 5.19 zeigt ein Bevölkerungsmodell, das aus drei Teilmodellen besteht, jeweils ein Modell für die Altersklassen 0 - 14, 15 - 64, und ab 65. Diese drei Modelle kann man wieder zu einem einzigen Modell zusammenfassen (vgl. Bild 5.21). Ferner kann man dann den Anteil der an Demenz erkrankten Menschen in der Altersgruppe ab 65 Jahren gesondert modellieren (siehe Bild 5.21).
Die Zahlen für Deutschland für die Zeit 2005 bis 2050 zeigt das Bild 5.20. Diese Zahlen basieren auf den Grundannahmen der Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes und wurden hier mit einem eigenen Modell nachgerechnet (siehe [89])
Allerdings werden wohl die meisten bei näherer Betrachtung geneigt sein, zu sagen, dass die Unterteilung eines Makromodells in Untermodelle nicht notwendigerweise zu einem Mikromodell führt, da im genannten Beispiel die Altersklassen als solche nicht das Verhalten einzelner Akteure wiedergeben. Diese Aussage gilt, wenn man sich bei Akteur eine konkrete Person, ein einzelnes Individuum vorstellt. In formaler Hinsicht handelt es sich in allen Fällen immer nur um Systeme mit Input und Output, die einen mehr, die anderen weniger komplex.
Um den weitverbreiteten Sprachgebrauch der Mikroperspektive zu 'retten' übernehmen wir hier die 'semantische' Definition eines Agenten als eines solchen Input-Output-Systems, das eigenständig in einer Umgebung nach bestimmten Regeln handeln kann, wohlwissend, dass sich diese Definition wissenschaftlich nicht rechtfertigen lässt (bis heute ist es z.B. nicht möglich, zweifelsfrei zu definieren, was man denn unter 'Verhalten' verstehen soll!). Dies führt uns zum Begriff des Agenten.
Gerd Doeben-Henisch 2009-12-09